Beste Filme

Filme des Jahrzehnts

Platz 10 „Inside Llewyn Davis“ von 2013

Starten möchte ich meine illustre Liste der besten Filme des vergangenen Jahrzehnts mit einem Film der Coen Brüder. Diese dürfen in keiner Bestenliste fehlen – wenn sie auch, wie ich schmerzlich beim Aufstellen dieser Liste feststellen musste, im letzten Jahrzehnt was eigene Filme anbelangt nicht sonderlich produktiv waren. So finden wir auf der Liste der Filme, die sie vom Regiestuhl aus betreut haben nur noch „Hail Cesar!“, „True Grit“, sowie die Netflix Produktion „Ballad of Buster Scruggs“. Allesamt solide Filme, die ihren ganz eigenen Stil fortsetzen. Der ganz große Wurf vom Formate eines „Big Lebowski“ oder „No Country for old Men“ war jedoch leider nicht (mehr) dabei.

Ich möchte Inside Llewyn Davis aber in kein schlechtes Licht stellen. Immerhin brachte er es unter anderem zu zwei Oscar Nominierungen. Die Kameraarbeit, eine der zwei Nominierungen, verantwortete Bruno Delbonnel. Das ist insofern bemerkenswert, da man bei einer solch runden Kameraarbeit, wie schon so oft bei Coen Filmen, das große Genie Roger Deakins an der Kamera vermuten würde. Aber auch Delbonnel machte seine Arbeit hier gut und durfte dafür auch bei Buster Scruggs wieder hinter die Linse. Auch zu den Darstellern gehören einige bekannte Gesichter. Zu nennen sind hier etwa Oscar Isaac (u.a. Star Wars), Carey Mulligan (u.a. Drive) sowie Justin Timberlake und Adam Driver in Nebenrollen. Daneben nicht zu vergessen Coen Liebling John Goodman, der wieder einmal in seiner Paraderolle spielt und an Walter Sobchak in Big Lebowski erinnert. 

Der Film selbst spielt in der Vor-Bob-Dylan-Ära des Folksongs im New York des Jahres 1961. Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist ein Folk-Sänger, dem der große Durchbruch nicht so recht gelingen will. Eigentlich auch nicht der Kleine. So ist spielt sein Leben zwischen regelmäßigen Auftritten im Etablissement Gaslamp, verschiedenen Couchübernachtungen bei Freunden und dem sonstigen Wahnsinn des Lebens. Der Film ist stark von der themengebenden Folkmusik geprägt, die komplett für den Film komponiert und live eingespielt wurde. Wieso es hierfür keine weitere Oscar Nominierung (Soundtrack) gab ist mir unverständlich. Sicherlich einer der großen Stärken des Filmes. Die Coens sind ja immer wieder für ihre großartige Filmmusik aufgefallen. Vor allem O brother where are thou ist hier zu nennen. Der tolle Soundtrack ist jedem der ruhigere Tunes mag ans Herz gelegt. 

Die Handlung lässt der Musik dabei viel Raum und schreitet langsam voran. Unterbrochen von einer kurzen Roadmovie-Episode finden wir uns zum Ende des Filmes an dem Punkt wieder, an dem wir anfangs gestartet sind. Manch einer mag sich gar fragen, was denn nun Anfang und Ende der Geschichte war. Dass die Katze, die einem von Llewyns Couchhosts gehört, Odysseus heißt ist hier natürlich nicht Zufall sondern Programm. Eben wie jener Odysseus mäandert auch Llewyn durchs Leben. Dieser Film der Coen Brüder ist letztlich wie ein guter Folksong. Am Ende ist man, wo man bereits am Anfang war – in der Zwischenzeit hat man aber Einiges dazugelernt. Meine Bewertung 8/10


Platz 9 „Moonrise Kingdom“ von 2012

Ebenfalls in keiner meiner Lieblingslisten fehlen darf der großartige Wes Anderson, der auch diese 90-minütige Perle zu verantworten hat. Er hat sich in den vergangenen zehn Jahren aus seiner Sonderlingsnische in den Mainstream vorgearbeitet. Und das gerade, mir etwas unverständlich, mit dem 2014er Streifen Grand Budapest Hotel. Ich kann nicht genau sagen, was es ist, aber gerade den halte ich für einen seiner schwächeren Filme. Zu ernst war mir dort das Thema, zu formalistisch der Gesamteindruck. Wo Grand Budapest Hotel zwei Jahre später 4 Oscars bekam blieb es für Moonrise Kingdom lediglich bei einer Nominierung für das beste Originaldrehbuch. Dazu immerhin eine Nominierung für den Besten Film in Cannes. 

Moonrise Kingdom vereint all das was ich schon immer an Wes Anderson geliebt habe. Eine absurde Geschichte, verpackt in herrlich skurille, bonbonfarbenen Bilder. Dabei alte Filmgesichter in Rollen, die man ihnen nicht zugetraut hätte, die aber den Film gerade so besonders erscheinen lassen. Wer denkt bei Bruce Willis zum Beispiel an einen melancholischen Inselpolizisten? Großartig auch Edward Norton als Pfadfinderhäuptling Ward.

Der Film spielt auf einer Insel in New England in den Sechzigerjahren. Zwei verliebte Teenager, die von zuhause – respektive dem Pfadfindercamp – ausgerissen sind starten ihr erstes ganz großes Abenteuer. Es gibt Fischerhaken-Skarabäuskäfer-Piercings, Zungenküsse am nebligen Strand und Nierenstiche mit Linkshänderscheren. Wem das noch nicht abgedreht genug ist darf sich auf eine Dreiecksbeziehung aus Frances McDormand, Bill Murray und Bruce Willis freuen. Der Soundtrack ist 60ies getränkt bis hin zu klassisch-pompös und gibt dem Film den Flair, den er benötigt. Das Einzige was hier fehlt ist mein Boycrush Owen Wilson, der das erste mal nicht bei Wes Anderson mittun darf. Ich glaube der Film fiel in seine suizidale Phase. Für mich der letzte große Wes Anderson Film. Ich hoffe auf weitere Knaller im neuen Jahrzehnt. Meine Bewertung 9/10


Platz 8 „Only Lovers Left Alive“ von 2013

Jim Jarmusch’s Vampirromanze aus 2013 ist ein Film, der mich immer wieder in eine ganz eigene Stimmung versetzt. Dazu trägt vor allem der großartige Soundtrack aus verzerrten Gitarren bei, der in Cannes mit dem Musikpreis ausgezeichnet wurde. Der bis dahin unbekannte Jozef van Wissem macht hier einen ganz ausgezeichneten Job und gibt dem Film sein Tempo vor. 

Wir sehen ein nächtliches Detroit, das in Ruinen liegt. Alte herrschaftliche Theater sind jetzt zu verfallenen Parkplätzen verkommen und stehen mit ihrer Vergänglichkeit im Kontrast zur Endlosigkeit des vampirischen Daseins. Adam (Tom Hiddleston), ein depressiver Vertreter dieser Ungeheuerart, hat mit der Welt der „Zombies“ (as in „Menschheit“) abgeschlossen. Zu kleingeistig und vergänglich kommt ihm diese Welt vor. Alles was ihn noch antreibt ist die Musik, die er seit hunderten von Jahren komponiert. Eva (Tilda Swinton), seine Ehefrau, die das nächtliche Leben Marokkos genießt, eilt ihm zur Hilfe, um ihn aufzubauen. 

Jarmusch kreiert zeitlose Bilder von endloser Liebe und Vertrautheit. Hiddleston und Swinton funktionieren großartig als morbides Traumpaar. Man könnte dem Film vorwerfen, er plätschere so vor sich hin. Aber gerade dadurch entfaltet er in Verbindung mit der langsamen Musik seine ganz eigene Wirkung und zieht einen förmlich rein in die Atmosphäre eines toten und düsteren Detroits. Sehempfehlung für Leute, denen Romeo und Julia ein zu grausames Ende hatte oder Twilight zu viele Glitzereffekte auf der Haut. Meine Bewertung 9/10


Platz 7 „Hell or High Water“ von 2016

David Mackenzies Hell or High Water reisst einen mit, wie der Rio Bravo einen kleinen Goldnugget. Selten hat mich ein Film in den letzten zehn Jahren so gefesselt. Erzählt wird die Geschichte der Brüder Tanner und Toby (großartig Chris Pine), die verhindern wollen, dass ihre Familienranch von der Bank verpfändet wird. Also beschließen sie Filialen eben jener Bank so lange auszurauben, bis sie das nötige Kleingeld zusammen haben, um ihre Ranch auszulösen. Entgegen stellt sich ihnen der alte Texas Ranger Hamilton (nicht weniger großartig, der alte Koyote Jeff Bridges), der kurz vor seiner Rente nochmal einen großen Fisch fangen will. Dabei zeichnet der Streifen ein düsteres Bild Amerikas, einem Land das dem Untergang geweiht ist. Die Kreditwerbungen am Rande der Highways, die traurigen Gesichter derer, die sich mit der Tatsache abgefunden haben ihr Leben lang zu einer immer größer werdenden Unterschicht zu gehören. Die Poetik des Films liegt nicht nur in seinen Worten sondern auch in seinen Bildern. Weite Aufnahmen der Prärie Texas, die verschlafenen Städte mit holzvernagelten Schaufenstern und die Ölbohrtürme, die dem Horizont seine Unendlichkeit nehmen. Hier gibt es kein Gut und Böse. Hier gibt es nur Überleben oder Sterben. 

Der Film erhielt unter anderem vier Oscar Nominierungen. Ich halte ihn für nicht weniger als ein Meisterwerk. Ein Neowestern im Stile von No Country for old Men. Dabei aber mit größerer politischer Relevanz. Daneben auch eine berührende Brudergeschichte, die einen noch lange Nachdenken lässt über die großen Fragen des Lebens. Sehempfehlung für Leute, denen Winnetou zu stark geschminkt war oder Parasites Gesellschaftskritik zu wenig drastisch. Der Film ist vor wenigen Tagen ins Netflix Programm aufgenommen worden. Meine Bewertung 10/10


Platz 6 „La La Land“ von 2016

Damien Chazelles mit sechs Oscars prämiertes Meisterwerk La La Land ist einer der Kandidaten, bei denen ich nie gedacht hätte, dass sie jemals in einer Liste meiner liebsten Filme landen würden. Um eines vorweg klar zu stellen: Ich hasse Musicals. Diese aufgesetzte, weichgespült erzwungene Happiness hat in mir schon immer Würgreiz ausgelöst. Welchen Eindruck dieser Film auf Liebhaber des Genres haben muss vermag ich nur zu erahnen. Selten jedoch habe ich einen perfekter durchchoreografierten, mitreissenderen Film gesehen. Wie allein die Öffnungsszene in einem Onetake umgesetzt werden konnte ist mir bei all den Statisten und Darstellern vollkommen unverständlich. Hier folgt eine innovative Einstellung der nächsten. Die Kamera schafft es, das Thema Musical perfekt auf die Leinwand zu bringen und den Film zu einem einzigen Spektakel zu machen. Nicht umsonst hat Linus Sandgren für seine Kameraarbeit hier auch den Oscar bekommen. Die Liebesgeschichte zwischen Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling) funktioniert fabelhaft, was nicht zuletzt an der großartigen Darstellung ihrer beiden Hauptakteure liegt. Dabei bleibt der Film aber bei Weitem nicht an der Oberfläche, sondern stellt sich die großen Fragen des Lebens. Das Was-wäre-wenn, das letztlich zur Pointe des Filmes wird, hat mich noch lange nach dem Sehen beschäftigt. Leider konnte Damien Chazelle die großen Erwartungen, die an ihn nach Gewinn des Regieoscars für La La Land als jüngster Regisseur aller Zeiten gestellt wurden danach (noch) nicht erfüllen. Sein 2018er Werk Aufbruch zum Mond konnte mich nicht mehr so sehr überzeugen. Unbedingt ans Herz gelegt sei jedoch auch der La La Land Vorgänger Whiplash, eine eindrückliche Studie über die Zustände an einem Musik Konservatorium und den unbedingten Willen im Leben Erfolg zu haben. La La Land hingegen empfehle ich Menschen, die Cats zu haarig fanden und die Stone/Gosling-Kombo in Crazy, Stupid, Love zu cheesy. Meine Bewertung 10/10


Platz 5 „Mad Max: Fury Road“ von 2015

Ich halte Mad Max: Fury Road für nicht weniger als den relevantesten Film der Dekade im Mainstream Bereich. Kein Film, den ich in diesem Zeitraum gesehen habe, hat sein Genre derart perfektionistisch und künstlerisch weiterentwickelt und auf die Spitze getrieben. George Miller ist damit gelungen, was nur wenigen gelingt. Einer Filmtriologie, die bereits Kultstatus erreicht hat, nochmals die Krone aufzusetzen. Dafür wurde der Film – völlig zu Recht – mit 6 Oscars ausgestattet, wenn diese auch eher die technischen Aspekte des Films gewürdigt haben. 

Der Film zeichnet eine dystopische, postapokalyptische Zukunft, in der Wasser zum höchsten Gut geworden ist und der Planet aus einer allumfassenden Wüste besteht. Furiosa (einarmig, Charlize Theron) versucht das Joch des Tyrannen Immortan Joe zu brechen. Unterstützung erfährt sie hierbei durch Max, gespielt durch den einmal mehr großartigen Tom Hardy, der ein würdiger Nachfolger Mel Gibsons in der Rolle ist. Die Story ist schnell erzählt und letztlich auch vollkommen irrelevant. Wer dem Film hier negativ ankreidet, die Storyline beschränke sich auf eine Gruppe von Leuten, die von A nach B fahren, nur um dann wieder von B nach A zu fahren, hat nicht verstanden, was hier gezeigt werden soll. Hier geht es um Kunst. Die Essenz des Actiongenres. Bildgewaltige Szenen, die einem aufgrund ihres überragenden Schnitts den Puls auf Kolibriniveau treiben. George Miller hat hier eine ganz eigene, wunderschöne Ästhetik geschaffen, die den Film von Tag 1 an zu einem Klassiker gemacht haben. 

Der Film sei Liebhabern des Genres als Must-See ans Herzen gelegt. Wer mit dem Actiongenre nichts anfangen kann sollte sich andere Filme ansehen. Es gibt genügend Filme mit inhaltlichem Tiefgang, die man sich sonntags beim High Tea mit Monokel im Auge und Anstecktuch in der Brusttasche ansehen kann, um dabei leisen Vivaldiklängen zu lauschen und sich intellektuell vorzukommen. Dieser Film wird dieses Bedürfnis nur schwer erfüllen können. Meine Bewertung 10/10


Platz 4 „The Revenant“ von 2015

Knapp an den Plätzen mit dem Edelmetall vorbei schrammt The Revenant von Alejandro G. Iñárritu. Der mit drei Oscars ausgezeichnete Western bringt eines meiner Lieblingsgenres zurück auf die große Leinwand. Um den Western ist es leider in den letzten 20, 30 Jahren etwas ruhig geworden. Wirkliche Perlen muss man hier wie die berühmte Nadel im Heuhaufen suchen. Erwähnt werden sollen an dieser Stelle aber zumindest das Klassiker Remake Todeszug nach Yuma von 2007 und die beiden Tarantino-Streifen Hateful 8 und Django Unchained. Mit Revenant schaffte es zum einen DiCaprio endlich seinen lang ersehnten Oscar zu bekommen. (Gemunkelt wurde im Vorfeld der Oscarverleihung bereits, ob dieses Mal der Bär im Film den Vorzug vor ihm bekommt.) Zum anderen gelang Emmanuel Lubezki etwas, das selbst Kameragranden wie Ballhaus oder Deakins nicht geschafft haben. Den Oscar für die beste Kamera das dritte Mal in Folge zu gewinnen. Zuvor hatte er diesen schon für Gravity und Birdman erhalten. 

Der Film stellt ein klassisches Motiv des Western in den Mittelpunkt der Erzählung. Die Rache. In den 1820ern verfolgt Trapper Glass den Mörder seines Sohnes Fitzgerald (ebenfalls herausragend, Tom Hardy), um sich an ihm für den Mord an seinem Sohn zu rächen. Dabei muss er einen Spießrutenlauf durchmachen, der seinesgleichen sucht und das harrsche Leben der Frontiersmen beeindruckend darstellt. Nicht nur ist dabei die Kameraarbeit hervorragend; auch der reduzierte Soundtrack von Sakamoto und Noto zieht einen in seinen Bann. Gedreht wurde nur bei natürlichem Licht, was nicht nur eine Herausforderung darstellt sondern dem Film auch einen ganz eigenen Look verleiht. Sehempfehlung für Jungs, die schon immer Cowboys sein wollten und Mädels, die diese als Indianerin vom Marterpfahl befreien wollten. Meine Bewertung 10/10


Platz 3 „Interstellar“ von 2014

Bronze geht an Interstellar von Christopher Nolan. Dieser hat für mich ohnehin die 2010er Jahre geprägt wie kein anderer Regisseur. So fallen in diese Zeit auch der Abschluss der überragenden Batman Triologie, Inception und Dunkirk. Nolan erfindet sich dabei immer wieder neu. Ob nun innovatives Storytelling, wie in Dunkirk, State-of-the-art Erkenntnisse der Science Fiction, wie hier in Interstellar oder auch einfach die atemberaubende Umsetzung eines altbekannten Comicstoffes. Nolans Filmen haftet das Besondere an. 

In Interstellar wird der ehemalige Astronaut Cooper nochmals rekrutiert und ausgesandt, um durch ein Wurmloch in eine entfernte Galaxie zu reisen und der Menschheit eine neues Zuhause zu suchen. Die Welt wie wir sie kennen ist mittlerweile durch die Klimakatastrophe weitgehend unbewohnbar geworden. Ernten fallen aus, viele Menschen leiden an Lungenkrankheiten wegen dem Staub in der Luft, der sich auf alles legt und das Atmen zunehmend erschwert. Eine abenteuerliche Odyssee durch die Unendlichkeit des Raumes beginnt. 

Interstellar orientiert sich dabei durchaus an seinem Vorbild 2001: Odyssee im Weltraum von Kubrick. Geht aber über diesen hinaus. Was bei Kubrick noch unterkühlt und klinisch daherkam ist hier emotional aufgeladen und durch einen durchaus klugen, drehbuchautorischen Schachzug intensiver. Nolan stellt das Schicksal des Einzelnen in den Mittelpunkt. Die Vater-Tochter Geschichte zwischen Murph und Cooper. Selten hat mich eine Geschichte so bewegt wie diese. Dazu trägt – wieder einmal – auch der hervorragende Soundtrack von Hans Zimmer bei. Der Film ist, gerade weil er so emotional ist, sicher nicht einer für alle Tage. Aber wenn man mal Lust auf ein intensives Filmerlebnis hat geht kein Weg an diesem vorbei. Definitive must-see Empfehlung für alle Scifi-Nerd*innen und alle, die gerne mal wieder Pipi in den Augen haben wollen beim Filmeschauen. Meine Bewertung 10/10


Platz 2 „Dunkirk“ von 2017

Da ist er schon wieder. Christopher Nolan, ohnehin einer meiner Lieblingsregisseure, hat es wieder getan. 2017 gelang ihm mit Dunkirk neben all seinen fantastischen Filmen der ganz große Wurf. Diesmal ganz ohne Science Fiction, ohne die Hilfe des Batman und ohne unerklärliche Zeit- und Bewusstseinsebenenwechsel. 

In Dunkirk hat der Feind kein Gesicht. Der Film erzählt die Geschichte der Schlacht um Dünkirchen im zweiten Weltkrieg, bei der 370.000 französische und englische Soldaten am Rande des Meeres zu Großbritannien von den Deutschen hoffnungslos eingekesselt waren und dennoch verzweifelt auf ihre Rettung hofften. Geschildert wird das Geschehen aus viererlei Perspektiven, dabei sowohl aus der Luft, auf dem Wasser und vom Strand. Diese wechseln sich immer wieder ab und man verliert schnell die Orientierung, was nun zu welchem Zeitpunkt geschieht. Nichts weniger ist natürlich auch beabsichtigt. Meisterhaft schafft Nolan es, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Dabei macht er die Schrecken und Orientierungslosigkeiten des Krieges erfahrbar.

Der Film brachte ihm acht Oscarnominierungen ein, von denen er leider nur die der technischen Kategorien einsammeln konnte. Der Sound des Films sticht aber tatsächlich in besonderem Maße hervor. Daneben gab es noch den Oscar für das Film Editing und den Soundmix. Zusammen mit dem reduzierten Soundtrack von Hans Zimmer haut einen der Film tonal tatsächlich aus den Schuhen. Realer flog eine Spitfire noch nicht über die Zelluloidwand. 

Hoyte Van Hoytema, der auch schon bei Interstellar hinter der Kamera stand legt hier zudem noch eine Schippe drauf. Der Film weiß mit unfassbar schrecklich-schönen Bildern und einem tollen colour grading zu überzeugen. Der eigentliche Coup jedoch ist das Drehbuch. Durch seine geschickte, alineare Erzählungsweise hat der Film eine ganz eigenen Erzählduktus, der auf den Zuschauer einen Eindruck hat, den auch Mendes mit seinem “1917″ nicht erreicht. Ziel von Mendes Film war es ja, das Erlebnis des einzelnen Soldaten greifbar zu machen, indem die Kamera an den beiden Protagonisten förmlich klebte. Nur Nolan schafft es jedoch durch seine geschickte Erzählweise und den Schnitt eine besonders cleane, museumshafte Atmosphäre heraufzubeschwören, die sich nur ganz langsam seinem Höhepunkt zuarbeitet. So gelingt ihm, was 1917 trotz der überragenden Umsetzung des Filmes als (immerhin so wirkender) onetake verwehrt blieb. Nämlich das Kriegsgenre neu zu definieren. Oder gar ein ganz eigenes dokumentarisch anmutendes Subgenre neu zu erfinden. Sehempfehlung geht raus an Leute, die sonst keine Kriegsfilme schauen und solche, die mitbekommen wollen, wo Filmgeschichte geschrieben wird. Dieser Film geht definitiv in die heiligen Ruhmeshallen des Kinos ein und hat sich auch hier die Silbermedaille wahrlich verdient. Meine Bewertung 10/10


Platz 1 „Blade Runner 2049“ von 2017

An einem verregneten Novemberabend 2017 saß ich im Kino und begann nach zwanzig, dreißig Minuten des Films zu überlegen. Das war irgendwie der beste Film, den ich je im Kino gesehen hatte. Was war besser gewesen? Was beeindruckender? Titanic als 8-jähriger? Herr der Ringe als Teenager? Ein Nolan Film? Ein Wes Anderson Streifen? Nein. In dieser allumfassenden Geilheit reichte nichts an diese erste halbe Stunde, die ich gerade gesehen hatte. Der Film war Blade Runner 2049 von Denis Villeneuve. 

Ich war lange Zeit extrem skeptisch diesem Film gegenüber. Der erste Blade Runner von Ridley Scott hatte 1982 Maßstäbe gesetzt. Nie war die Cyberpunk Ästhetik im Kino schöner umgesetzt worden. Mit seinen philosophischen Fragen, die der Film aufwarf und sich im Laufe der Geschichte viel Zeit bei deren Entwicklung nahm hatte er eine zeitlose Relevanz. Diesen Film konnte man nicht fortsetzen, so dachte ich. Dann hörte man, dass niemand anderer als Denis Villeneuve für den Streifen verantwortlich sein würde. Der Regisseur, der auch schon zuvor Großartiges abgeliefert hatte. Und dabei neben Sicario und Prisoners mit Arrival erst im Jahr zuvor einen phantastischen Sci-Fi Film, der sich gerade das nahm, was sich so wenige Blockbuster nehmen. Die Zeit zur Entwicklung einer spannenden Story. Zusätzlich hatte sich Villeneuve mit Roger Deakins den großen Altmeister der Kamera ins Boot geholt. Letzterer sollte seine Leistung auch endlich mit einem Oscar prämiert bekommen. 

Der Film macht dann auch so ziemlich alles richtig, was man bei der Fortsetzung eines solchen Kalibers richtig machen kann. Er setzt einen wieder einmal überragenden Ryan Gosling als Replikanten K ein und spinnt mit ihm die Story, die 30 Jahre zuvor, im Jahr 2019 begonnen hatte, fort. Auch Harrison Ford bekommt wieder seinen Auftritt. Dabei fährt der Film mit eigenen Ideen auf, die in ihrer philosophischen Tragweite den alten Stoff weiterspinnen und auf die Spitze treiben. Was ist das Menschsein? Ist es die Geburt? Die Herkunft als Nachfahre zweier Menschen? Was ist dann aber, wenn ein künstliches Wesen und ein Mensch einen Nachfahren zeugen? Blade Runner 2049 nimmt sich hier, genau wie sein Vorgänger, genau die Zeit, die es benötigt sich neben der Action auch solch komplexen Fragen zuzuwenden. Roger Deakins liefert die Perfomance ab, die man sich von ihm erwartet. Die Story ist komplex. Der Look phantastisch. Villeneuve erweitert die alte, wunderschöne Sci-Fi Welt um einige tolle neue Details und Einfälle, wie etwa K’s Hollogramfreundin Joi. Dabei nutzt der Film das gesamte Potential an state of the art CGI, das es 1982 so natürlich noch nicht gab und ist so noch überzeugender, noch beeindruckender. Absolutes must-see für Fans der Science Fiction und elitären Bild-Ästheten. Meine Bewertung 10/10


Honorable Mentions aus den 2010er

„Drive“ – Nicholas Winding Refn – USA, 2011  Meine Bewertung 9/10

Los geht’s mit einem Film, den die meisten wahrscheinlich schon gesehen haben werden. Sollte dem nicht so sein, unbedingt in der Quarantäne nachholen. Drive mit Ryan Gosling zählt durchaus zu meinen Lieblingsfilmen. Er entfaltete mit seinem 80ies Synthie Soundtrack, den Autofahrten durch das dunkle Los Angeles und den reduzierten Dialogen eine ganz eigene, langsame Atmosphäre, die mittlerweile oft kopiert wurde. Ryan Gosling transportiert mit ganz wenig Worten ganz viel Gefühl. Er spielt einen Stuntman, der sich in seine – mit einem Knasti verheiratete – Nachbarin verliebt und so, um ihr zu helfen tiefer und tiefer in mafiöse Machenschaften reingezogen wird, aus denen es nur schwer ein entrinnen gibt. Für Liebhaber von Stummfilmen und Stuntmans. 

Drive gibt es derzeit bei maxdome im Abo oder günstig auszuleihen bei Amazon. Netflix hatte ihn lange im Programm, gerade aber leider nicht. 


„Die Jagd“ – Thomas Vinterberg – Schweden, 2012  Meine Bewertung 10/10

Ein sozialkritischer Thriller aus Dänemark und Schweden. Wer ein Fan von Mads Mikkelsen ist, muss hier unbedingt reinschauen. Im Zentrum des Filmes stehen thematisch gesellschaftliche Mechanismen. Vor allem wie Gerüchte und Vorurteile zu Ausgrenzung und der Zerstörung von Leben führen können. Mikkelsen spielt einen Kindererzieher, der aufgrund einer falschen Verdächtigung in einen Strudel aus Anfeindungen gezogen wird aus dem er kein Entkommen mehr findet. Unglaublich spannend erzählt lässt einen dieser Film noch lange grübeln. Für Liebhaber von James Bond Schurken und gesellschaftlichen Querelen.

Die Jagd gibt es bei Amazon oder itunes günstig zu leihen oder über das Sky Abo. 


„Frantz“ – Francois Ozon – Frankreich, 2016  Meine Bewertung 9/10

Zu guter letzt noch Francois Ozons vorletzter Film aus dem Jahre 2016. Eine bewegende Liebesgeschichte der deutschen Anna (Paula Beer) und des Franzosen Adrien (Pierre Niney), die kurz nach den Turbulenzen des ersten Weltkrieges angesiedelt ist. Adrien, ein französischer Soldat, kommt nach Deutschland, um der Familie eines deutschen Soldaten die letzte Ehre zu erweisen. Dabei lernt er die Verlobte des Gefallenen kennen und alles kommt anders als die beiden es sich erwartet haben. Der Film zeigt ein Deutschland, das sich erst wieder daran gewöhnen muss, dass seine Nachbarn Brüder, nicht Feinde sind. Die dichte Atmosphäre und auch das Bild in schwarzweiß lassen den Film sehr real erscheinen und ziehen einen ins Geschehen. Für Liebhaber von Paula Beer und Fraternité.


Beste Filme 2021

Die Pandemie hat auch die Filmwelt weiter fest im Griff. Viele Produktionen mussten verschoben werden. Dazu kommt die allgemeine Entwicklung immer mehr Streifen auf VOD zu veröffentlichen, anstatt sie auf die große Leinwand zu bringen. Deshalb wollen wir auch bei Hollywoodbreaking dieses Jahr einen etwas anderen Weg gehen, als wir es normalerweise tun. Fünf Filme sollen vorgestellt werden. Zusammengewürfelt aus VOD und Leinwand Veröffentlichungen. Zudem ist die Liste diesmal nicht als Ranking zu verstehen. Es handelt sich einfach um fünf sehenswerte Filme, die kein Cineast verpasst haben sollte.

No Sudden Move, Stephen Soderbergh

Bei No Sudden Move handelt es sich zunächst um den klassischen Heist-Movie. Ein paar Gangster werden zusammengetrommelt. Ein Plan wird ausgeheckt. Der Plan nimmt seinen Lauf. Das kennt man bereits von anderen Soderbergh Filmen wie Oceans Eleven usw. Wie sich im Laufe des Filmes herausstellen wird, geht es diesmal jedoch um mehr. Soderberghs Antrieb ist nicht der nächste unterhaltsame Film. Vielmehr wird der Film zu seinem Ende hin die Kriminalität der wirklichen Welt zeigen. Das Fressen und gefressen werden der Großindustrien. Aber mehr soll nicht verraten werden. Sehenswert ist der Film auf der formalen Ebene wegen dem Einsatz alter Objektive, die einen ganz eigenen Filmlook kreieren und den Film wie eine 80er Jahre Seifenoper aussehen lassen, wegen dem vorzüglichen Covergespann Benicio del Toro und Don Cheadle. Und wegen einem herrlichen Überraschungsauftritt im letzten Drittel des Films. Aber dazu müsst ihr ihn selber schauen.

Last Duel, Ridley Scott

Seit Ridley Scotts Gladiator sind alle seine Mittelalter Filme unter besonderer Beobachtung. Schwer hatte es Königreich der Himmel, schwer hatte es Robin Hood. Nie kam Scott so richtig über seinen 2000er Geniestreich hinaus. Zu eindrücklich war damals Russell Crowes und Joaquin Phoenix Performance. Der Film war der perfekte Film für die damalige Zeit und schloss ein altes Jahrhundert der Filme über Männerrivalitäten ab. Lange hat es also gedauert, hier ein Update des Topos zu geben. Was die vorgenannten Filme nicht schaffen schafft nun The Last Duel, indem er genau diese Männerrivalitäten an den Pranger stellt. Der Film spielt gekonnt mit Sympathien, die immer wieder zwischen den Charakteren hin- und herspringen, nur um zum Ende hin zu zeigen, dass eigentlich all das toxisch männliche dorthin gehören sollte, wo der Film spielt. Ins Mittelalter.

Titane, Julia Ducournau

Bleiben wir beim Thema der Geschlechteridentitäten und -rollen und gehen über zu einem französischen Arthouse Film des letzten Jahres. Titane gibt dem Thema ein ganz anderes Gewand und fügt dem Film eine Body Horror Note a la Cronenberg (Die Fliege, 1986) hinzu. Wer auf absurde Film steht, die dennoch zum Nachdenken anregen ist hier richtig. Eine von einem Auto schwangere Frau lässt sich als junger Mann verkleidet von einem Feuerwehrmann als dessen lange vermisster Sohn aufnehmen. Das Spannungsfeld zwischen übertriebener Männlichkeit der Feuerwehrmänner und der zarten Performance der Schwangeren bzw. des jungen Mannes bietet einigen Zündstoff. Wer bei Filmen denkt, er kann einiges aushalten, ist hier richtig.

Dune, Denis Villeneuve

Bei Hollywoodbreaking muss natürlich auch die Sparte Popcornkino bedient werden, und mit welchem Film würde das dieses Jahr besser klappen als mit Denis Villeneuves Dune? Die atemberaubenden Bilder von Greig Fraser. Der markerschütternde Soundtrack von Hans Zimmer. Und das von Vielen als größtes Buch ihrer Kindheit genannte Der Wüstenplanet von Frank Herbert als Grundlage. Dazu der größte Science Fiction Regisseur unserer Tage. Da konnte nicht viel schief gehen und das ist es auch nicht. Dune reißt uns aus den Kinosesseln und macht so viel Lust auf weitere Fortsetzungen. Dazu klappt bei Villeneuves Dune was David Lynch mit seiner Umsetzung von 1984 nicht gelungen ist. Er nimmt sich die Zeit, die sagenhafte Welt Herberts zu entwickeln und mehr Ecken von ihr zu zeigen. Außerdem kommt Villeneuve natürlich zu Gute, dass das heutige CGI einfach mehr zu leisten im Stande ist als in den 80ern.

Nomadland, Chloé Zhao

Der Gewinner des Goldenen Löwen für den Besten Film in Venedig 2020 und des Oscars für den Besten Film letztes Jahr ist auch mein Lieblingsfilm 2021 gewesen. Auch so ein Film, der in seine Zeit passt, die großen Missstände des Raubtier Kapitalismus schonungslos aufdeckt und die Geschichten der Menschen zeigt, die in unserer Gesellschaft auf der Strecke bleiben. Dabei bleibt der Film immer subtil in seiner Kritik und rumpelt nicht daher wie die Filme eines Michael Moores. Vielmehr werden in leise-melancholischen Tönen die Widrigkeiten des Lebens mit dem persönlichen Schicksal seiner Hauptfigur verbunden. Das mag auch daran liegen, dass mit Chloé Zhao eine Frau auf dem Regiestuhl sitzt. Francis McDormand liefert dazu mal wieder eine herausragende Performance und trägt den Film. Wenn man einen Film 2021 nicht verpasst haben darf ist es Nomadland.


Beste Filme 2020

5. Werner Herzogs „Family Romance LLC“

Was ist eigentlich, wenn man sich den fehlenden Vater einfach mietet? 

Der großartige Werner Herzog nimmt sich einem sozialen Phänomen in Japan an. Man möchte sagen, welchem Land sonst würde eine solche Absurdität einfallen. Hört man doch von Robotern, die alte Menschen pflegen und Videospielern, die nach 48 Stunden Dauerdaddeln vor dem Gerät verhungern. Einer der großen Highlights des leider coronabedingt spärlichen Filmjahres. Ein Film der, wie könnte es in diesen Zeiten anders sein, seine Premiere (nach der „analogen“ in Cannes) auf der Streamingplattform MUBI gefeiert hat. In seinen Zwischentönen grandios beobachtet und berührend erzählt, wie man es von Herzog gewohnt ist. In seinem Nachgang stößt einen die Thematik auf die großen Fragen. Wie wollen wir als Gesellschaft weiter funktionieren? Liegt in „sozialen“ Modellen, wie dem Mieten von Freunden oder Familienangehörigen unsere Zukunft? Absolute Sehempfehlung, gerade auch für das Q&A mit dem Regisseur, das der Premiere nachgeschaltet wurde. 

Der Film ist weiterhin auf MUBI verfügbar.


4. Sam Mendes „1917“

Verheißungsvoll hatte das Kinojahr im Januar noch seinen Anfang genommen. 

Sam Mendes One-Take-Vergnügen 1917 zeigt die Geschichte der Soldaten Blake und Schofield, die sich durch die schlammzerwühlten Gräben Frankreichs kämpfen. Ihre Mission ist es einen Angriff zu verhindern, der für mehrere Hundert Männer den Untergang bedeuten würde. Weshalb der Film unter den besten dieses Jahres nicht fehlen darf ist zwar in erster Linie formalen Gründen geschuldet. Die Illusion es handele sich um einen einzelnen Schuss haben Mendes und sein Kameramann Deakins vortrefflich erschaffen. Wenn es auch fragwürdig erscheint, Formalismus über Inhalt zu setzen – so bleibt das Ergebnis in jedem Fall sehenswert. Darüber hinaus handelt es sich aber auch ganz einfach um eine mitreissende Geschichte über Freundschaft und Mitmenschlichkeit. Auch der museale Eindruck, der dadurch entsteht, dass die Kamera jeden Winkel des historischen Schauplatzes erfasst, ist ein Hingucker. 

Der Film ist derzeit bei sky zu sehen und sonst zu leihen auf den einschlägigen Plattformen. 


3. Charlie Kaufmans „I’m thinking of ending things“

Der Satz „I’m thinking of ending things“ kann bekanntlich mehrere Bedeutungen haben. Gleiches gilt für Kaufmans Film, der hier mit seinem Drehbuch dem ihm zu Grunde liegenden Roman von Iain Reed folgt. Die Entschlüsselung des Filmtitels – soviel sei verraten – gibt einem das nötige Werkzeug an die Hand, um sich den Film zu erklären. Durch den Nebel der Erzählebenen, der Wiederholungen, der bedeutungsschwangeren Anspielungen und schlichten Unmöglichkeiten muss sich der geneigte Zuseher sodann in Eigenregie kämpfen. Charlie Kaufman – so als Typ – ist im echten Leben sogar richtig nett. So nett, seinen verzweifelten Zusehern in einem Interview das zu geben, was ihnen sein Film verwehrt hat. Die Auflösung, was diese Collage an Szenen zu einem Ganzen zusammenklebt, wie eine zerbrochene Vase. Man muss solche Filme mögen. Wenn man sich ihnen jedoch hingibt kreieren sie neben einem Knoten im Gehirn auch hervorragende und einzigartige Momente, die – ja – kleben bleiben. Also so wie bei der Vase. 

Der Film ist eine Netflix-Produktion und dort verfügbar. 


2. Pippa Ehrlichs / James Reeds „Mein Lehrer, der Krake“ 

Manchmal sind die Gründe warum ein Film so grandios ist ganz unspektakulär. Kein explodierendes Blockbuster-Budget, keine glitzernden Stars vor der Kamera. Weder eine aufwändige technische Umsetzung, noch sonst eine filmische Sensation fährt diese Dokumentation des Naturfilmers James Reed und der Regisseurin Pippa Ehrlich auf. Das Großartige liegt hier in den leisen Zwischentönen, die eine wunderbare Allegorie auf das heutige Leben zeichnen. Eines, das sich aus der Natur entfernt hat und diese eher als Bedrohung (Naturkatastrophen) oder Patienten (Klimawandel) wahrnimmt. Das wir aber weiterhin Teil dieser uns umgebenden fantastischen Welt sind erfährt Craig Foster in seiner Erzählung über eine ihm wiederfahrene, unglaubliche Freundschaft mit einem Kraken in den tosend kalten Gewässern vor Südafrika.

Der Film ist eine Netflix-Produktion und dort verfügbar.


1. Christopher Nolans „Tenet“

Nolan hat gewagt, was sonst kein Blockbuster dieses Jahr gewagt hat. In einem Sommer, in dem kaum ein Kino geöffnet hatte, ein Hunderte-Millionen-Dollar-Projekt in eben jene zu bringen. Und Nolan hat noch etwas gewagt. Den Bond-Film zu drehen, den man sich von diesem eingestaubten Franchise seit Jahren erhofft. Einen Agenten-Thriller, der nicht der immer gleiche Sonntagstatort ist, sondern neuen Wind ins Genre bringt. Mit einer abgefahrenen Erzählstruktur, nie gesehenen Effekten und einem bombastischen Soundtrack. Wer sich hier über die Komplexität oder einzelne Stilelemente – etwa Nolans kühle Distanz zu seinen/m Protagonisten – aufregt, hat das Kino bereits zu Grabe getragen. Kein anderer Film hat 2020 die Poleposition so verdient wie dieser Defibrillator-Schock für die Kinoindustrie.

Tenet ist passend zum Weihnachtsgeschäft auf Bluray und den einschlägigen Streaming-Plattformen erschienen.



Beste Filme 2019

Hallo Freunde des guten Filmgeschmacks, ich werde euch dieses Jahr die Weihnachtszeit mit einer TOP 10 meiner Lieblingskinofilme aus 2019 versüßen. Die Aktion hat weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch Korrektheit. Es geht um meine subjektive Sicht auf den Film 2019. Quasi frei nach Hitchcock: „Die Liebe zum Kino ist mir wichtiger als jede Moral“. Ich hoffe ihr habt Spaß daran und könnt für euch den ein oder anderen Tipp rausziehen. Gerne her mit Feedback! Noch ein kleiner Hinweis: Teilweise sind die Filme auch schon Ende 2018 angelaufen. Ich habe sie aber dazu genommen, wenn sie innerhalb des Jahres 2019 noch im Kino liefen und ich sie dann gesehen habe.


10 „Greenbook“ 8/10

Ein Film des Regisseurs und Drehbuchautoren Peter Farrelly, der für mich vor allem eines ist: Die Geschichte einer beeindruckenden Freundschaft und Loyalität. Farrelly, der sonst eher für Klamauk wie Verrückt nach Mary und Dumm und Dümmer bekannt ist, nimmt sich hier ernsthafterem Stoff an. Immer wieder blitzen jedoch amüsante Momente durch, die dem Film seine Längen nehmen. Sehenswert nicht zuletzt wegen seiner politischen Message, wenn auch gerade zum Ende hin etwas dick aufgetragen wird. Mahershala Ali und Viggo Mortensen brillieren einmal mehr in ihren Rollen. Ersterer erhielt hierfür auch den Oscar in der Nebenrolle. Der Film selbst gewann zudem den Oscar für den besten Film und das Drehbuch.


9 „GLASS“ 8/10

Das Ende der sich überraschend als Superhelden-Triologie heraustellenden Filmreihe von Regisseur M. Night Shyamalan. Diese hatte zunächst vor 19 Jahren mit dem soliden „Unbreakable“ als Einzelfilm begonnen und sich dann im Film „Split“ von 2016 – dank eines typisch shyamalesken Twist – hin zum Superheldenstoff entwickelt. Erfrischend anders, neben Marvels Einheitsbrei. Virtuos geschauspielt von James McAvoy, dem man stundenlang dabei zuschauen könnte, wie er zwischen seinen verschiedenen Rollen/Persönlichkeiten immer wieder im Sekundentakt hin- und herwechselt. Für mich definitiv ein heißer Anwärter auf den kleinen Mann in Gold dieses Jahr in Sachen Nebenrolle.


8 „DESTROYER“ 8/10

Nicole Kidmans ungewöhnlichste Rolle. Regisseurin Kusama versucht das Film Noire Genre aus der weiblichen Sicht zu erzählen. Das gelingt weitgehend. Wirklich innovativ wird es dabei zwar nicht. 121 Minuten extrem dichte Atmosphäre und gute Unterhaltung kommen dabei aber allemal rum. Ein Film der sich Zeit nimmt für das was er erzählen möchte, gleichzeitig wird zum Ende hin eine enorme Spannung aufgebaut. So wünscht man sich gutes Actionkino.


7 „THE DEAD DON’T DIE“ 8/10

Ein Film von Jim Jarmush, bekannt für Filme wie Night on Earth oder Coffee and Cigarettes, der dieses Jahr leider komplett untergegangen ist. Als Eröffnungsfilm auf dem Filmfestival von Cannes hoffnungsvoll gestartet konnte er die kommerziellen Erwartungen leider nicht erfüllen. Sicherlich ein langsamer, ungewöhnlicher Film der nicht Jedermanns Sache ist. Dennoch absolut sehenswert. Wer etwas mit Bill Murray anfangen kann, Adam Driver knuffig findet oder einfach nur Tom Waits als abgefuckten Waldhobo sehen möchte muss hier definitiv reinschauen. Es gibt einige herrlich abstruse Szenen. So wurde das Zombiegenre definitiv noch nicht beleuchtet – von Zombieland mal abgesehen. Dabei ist dieser Film allerdings sehr viel weniger auf-die-Fresse und kommt eher über die subtil/absurde Note. Eine Hommage an das Genre und eine Liebeserklärung an den Zombiefilm.


6 „AD ASTRA“ 8/10

Brad Pitt als Astronaut Roy McBride in einer größtenteils ruhigen Zukunftsvision auf der Suche nach sich selbst – und seinem Vater. Ein Film der sich gerne auf einer Stufe mit Kubricks 2001 oder Nolans Interstellar sehen würde, an diese Genregrößen jedoch nicht heranreichen kann. Zu wenig Innovation, zu unentschlossen bleibt er dabei in seinen Zielen. So mäandert er immer wieder über Genregrenzen hinaus, wirkt dabei aber eher unentschlossen als souverän. Auch Brad Pitt, der hier vielleicht seine persönlichste Rolle spielt, bleibt doch irgendwo immer Brad Pitt. Hier wäre vielleicht ein unbekannteres Gesicht effektiver gewesen. 
Dennoch sind hier einige gute Ansätze zu finden, die den Film aus der Masse der Hollywood Produktionen herausheben und die zwei Stunden immer wieder spannend halten. Letztendlich eher jammern auf hohem Niveau. Aber wenn man versucht die ganz großen Fragen zu beantworten, wirft man eben gerne mal einen genaueren Blick darauf. Trotzdem eine absolute Sehempfehlung nicht nur für Scifi-Nerds.


5 „ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD“8/10

Quentin Tarantino feiert in seinem neunten Film das Kino – und sich selbst. Vielleicht hätte der Film nicht 161 Minuten lang sein müssen. Vielleicht hätte dem Film eine Geschichte gut getan, an der sich die Handlung entlang hangeln könnte. Vielleicht wäre ein anderer Stoff als die Manson Morde, die bereits so oft besprochen wurden – zuletzt in der sehenswerten Netflix Serie Mindhunter – ein besserer für einen weiteren Tarantino gewesen. 
Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist es einfach genau diese Geschichte, die Angesichts der sich selbst abschaffenden Kinoindustrie nötig war und diesen Film so wertvoll macht. Man bekommt jedenfalls weitgehend das, was man sich von einem neuen Tarantinostreifen erhofft. Grandiose Dialoge, denen man stundenlang einfach nur so zuhören könnte, überraschende Wendungen – auch überraschend rohe Gewalt. Was einem hier vielleicht das Sehvergnügen erhöht ist eine Grundidee der Manson Geschichte zu haben. Ebenso des Kinos der späten 60er Jahre, damals – gesättigt von all den Epen die bereits erzählt waren – auf der Suche nach neuen Helden des Kinos waren. Letztlich eine Entwicklung, die mit dem dann aufkommenden Autorenkino uns geniale Filmmacher wie Tarantino erst beschert hat.


4 „JOKER“ 8/10

Langsam geht es ans Eingemachte. Bevor wir am letzten Adventswochenende zu den TOP 3 kommen nun zum wenig beliebten 4. Platz und der Blechmedaille. Aber zu welchem Film passt die besser als zu diesem zwielichtigen Superschurken? Der Film Joker von Todd Phillips war für mich nicht der erwartet ganz große Wurf und dennoch ein Film, der aus der Masse heraussticht. Zu sehr lebt der Film jedoch von der sehr guten Performance seines Hauptdarstellers Phoenix, die einige sonstige Mängel verdeckt. Das Drehbuch beschränkt sich weitgehend darauf all das Schlechte aufzuzeigen, was dieser traurigen Figur, Arthur Fleck, in seinem Leben zugestoßen ist und verkommt so etwas zu einer bloßen Aufzählung. Und dennoch bleibt es am Ende für mich etwas unerklärlich, wie er vom bemitleidenswerten Hobo-Clown zum Serienkiller wird. Ist es nun eine Krankheit, die ihn soweit bringt? Gar die Gesellschaft? Wo der Film hinführt ist ja jedem der schon mal etwas von Batman gehört hat klar. Am Ende steht sein größter Widersacher – der Joker. Nett bleiben sicherlich die Referenzen auf die alten Scorsese Filme wie Taxi Driver und King of Comedy, die einen Hauch von New Hollywood auf die heutigen Kinoleinwände bringen. Auch der Look im allgemeinen (schön auch in analogem 35mm) hebt den Film sehr von dem zeitgenössischem Hochglanz-Superhelden-Film à la Fuck you Goethe ab. Nicht zuletzt sein überragender Soundtrack (Hildur Guðnadóttir, auch für Chernobyl bekannt) sorgen hier insgesamt für ein extrem atmosphärisches Kinoerlebnis und einen in jedem Fall sehenswerten Film.


3 „THE FAVOURITE“ 8/10

Bronze geht in diesem Jahr an die herrlich höfische Dramakomödie The Favourite des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos. Bekannt geworden für seine verschwurbelten Filme The Lobster und Killing of a Sacred Deer schafft Lanthimos hier sein für mich bestes Werk bislang. Mit einem ganz eigenen Look, großartiger Ausstattung und drei Zankhennen in Höchstform (Olivia Colman erhielt den Oscar für beste Hauptrolle) sorgte der Film bei mir für zwei Stunden vorzügliche Unterhaltung. Auch Rachel Weisz und Emma Stone stehen Colman dabei in nichts nach, wie sie unnachgiebig um die Gunst der Königin Anne kämpfen. Immer wieder schafft es Lanthimos unter anderem unter Zuhilfenahme von Fisheye Objektiven ikonische Bilder zu schaffen, die man so in einem Historienfilm sicherlich noch nicht gesehen hat und die wunderbar die absurde Grundstimmung des Filmes untermalen. Kafka hätte seine wahre Freude an diesem Film, der schonungslos all die Absurditäten der Zwischenmenschlichkeit aufdeckt und am Hofgeschehen des frühen 18. Jahrhundert kein gutes Haar lässt.


2 „PORTRAIT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN“ 9/10

Silber geht an den französischen Film Portrait einer jungen Frau in Flammen von Celine Sciamma. Lange habe ich hin und her überlegt. Denkbar knapp musste er sich der Nummer 1 geschlagen geben. Dennoch für mich ein nahezu perfekter Film. Ein Gemälde von einem Film. Hier stimmt jeder Blick, jeder Kamerawinkel. Wenn im Hintergrund der beiden jungen Damen sich die Wellen brechen und eine Metapher auf ihr Innenleben abgeben, im Kerzenlicht des Herrenhauses, wo nur das Nötigste erkennbar wird. Oder auch wenn die spärlich gehaltene musische Untermalung einen mitreisst, wie man es selten bei einem Film erlebt hat. Ich möchte gar nicht zu viel verraten, je weniger man über das Setting und den Film weiß, desto mehr kann man sich ihm hingeben. Unbedingt auf französisch mit Untertitel schauen. Schon beim Trailer habe ich gemerkt, wie viel von der Wucht der Darstellung verloren geht, auch wenn es ein wenig anstrengend ist immer mitzulesen. Das hat der Film verdient.


1 „PARASITE“ 9/10

Kommen wir nun am Heilig Abend zu Platz 1 meines diesjährigen Filmvergnügens. Ein hauchzarter Vorsprung vor Platz 2 vor allem wegen seiner gesellschaftlichen Relevanz. Der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho mit seinem vielleicht besten unter vielen fantastischen Filmen, die er bereits gemacht hat (okja, Memories of Murder, Snowpiercer). Hierfür erhielt er auch die diesjährige goldene Palme in Cannes. Und das vollkommen zu Recht. Dieser Film lässt sich in keine Kategorie stecken. Er wechselt zwischen absurd komischen Szenen, Spannung, bis hin zum Horror und weiß dabei über die volle Spiellänge vollkommen zu unterhalten. Grob geht es darum, dass sich eine „Unterklassen Familie“ bei einer „Oberklassen Familie“ parasitär einnistet und den Laden zu übernehmen versucht – und dann kommt doch alles anders. Auch hier gilt wieder, je weniger man weiß desto mehr Spaß hat man an jeder Wendung, die der Film nimmt.


HONORABLE MENTIONS 2019

Da wäre zum einen der offensichtliche, vermutlich auf jeder to-see-list stehende IRISHMAN von Martin Scorsese. Sicherlich nicht etwas für zwischendurch, aber wenn man mal in den Feiertagen 3,5 Stunden entbehren kann sicherlich eine Empfehlung. Üppig ausgestattet, bis ins Detail perfektioniert rundet Scorsese hier seine überragende Laufbahn als Gangsterfilmer ab.


Dann, wenn auch etwas verstörend, soll HIGH LIFE mit Robert Pattinson nicht unerwähnt bleiben. Claire Denis Film schafft es sich noch einmal aus einer ganz anderen Sichtweise mit der Psyche von Weltraumfahrern auseinanderzusetzen und einige ungestellte Fragen aufzuwerfen. Hierbei erreicht sie, was Ad Astra gerne gelungen wäre, wenn dieser auch die weitaus verträglichere Kost darstellt. 


Zu guter letzt möchte ich noch einen weiteren Film mit Robert Pattinson Film ansprechen. LIGHTHOUSE ist in Sachen Optik ein wahrer Filmleckerbissen und kommt wie ein Gemälde von einem Film daher. Gedreht mit hundert Jahre alten Filmobjektive in schwarz weiß hat er eine ganz eigene Optik. Die klaustrophobische Stimmung, die sich zwischen Pattinson und Willem Dafoe entwickelt hat man in dieser Intensität noch nicht im Kino gesehen. Dabei bleibt der Film aber auch immer wieder herrlich skurril und unterhaltsam.


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