Honorable Mentions 2020

Es sind noch Rohdiamanten übrig geblieben. Meine Topliste ist dieses Jahr mit fünf Einträgen kurz ausgefallen. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle noch drei brandheiße Tipps aus dem letzten Jahr nachschiessen, die nicht unerwähnt bleiben sollen.


Uncut Gems von den Safdie Brüdern

Dieser Film tut weh. Wann war ein Thriller jemals so nervenzerreissend? Warum spielt Adam Sandler erst jetzt eine so geile Rolle? Wo war er all die Jahre? Die Safdie Brüder machen das, was sie am besten können. Einen ultrarealistischen Streifen fabrizieren, der unter die Haut geht. Die Kamera bleibt dabei den Protagonisten immer nah auf der Haut. Wackelt. Geht näher dran als man möchte. Die Musik wabert. Lässt nie nach. Ist immer da. Die Story springt von Katastrophe zu Katastrophe. Dieser arme, eklige, unbequeme Diamantendealer. Wie viel Pech kann man im Leben haben. Ich verspreche euch hier keinen Sonntag-18Uhr-Entspannungsfilm. Aber etwas, das im Gedächtnis bleibt.


Über die Unendlichkeit von Roy Anderson

Bei Roy Andersons Filmen möchte man sich jedes Bild des Filmes als Gemälde an die Wand hängen. Ihnen wohnt der Perfektionismus eines jahrelang erprobten Werbefilmers inne. Sie versprühen eine ganz eigene ruhige, melancholische Ästhetik. Wie auch die Geschichten, die er mit diesen Bildern erzählt. Da ist der Pfarrer, der vom Glauben abgefallen ist. Eine besiegte Armee marschiert nach Hause. Ein Vater bindet seiner Tochter im strömenden Regen die Schnürsenkel. Anderson erforscht die Banalitäten des Lebens. Und trifft dabei vielleicht das ein oder andere Mal einen allzu pessimistischen Ton in der Ouvertüre der schieren Existenz. Dennoch möchte ich diesen Film ans Herz legen. Er holt einen wieder runter. Erdet. Und lässt einen für seine Spielzeit ein wenig durchschnaufen. Wenn man so will der Gegenentwurf zu Uncut Gems.


His House von Remi Weekes

His House ist ein Film, der vor allem wegen seiner starken Darstellung des Alltags und der Sorgen von Geflüchteten sehenswert ist und die Thematik subtil in den popkulturellen Kontext eines Netflix-Genre-Filmes einwebt. Die genretypischen Geisterszenen geraten hier eher zum Beiwerk, auch wenn diese durchaus unterhalten – also schockieren – können. Die Geschichte entspinnt sich um ein sudanesisches Paar, das nach seiner Flucht aus der Heimat versucht in einer englischen Stadt Fuß zu fassen und erkennen muss, dass man vor den Geistern der Vergangenheit nicht zu fliehen vermag. Sympathischer Cast, gute Unterhaltung und der vielleicht unterschätzteste Horrorfilm des Jahres.

„Tenet“ von Christopher Nolan – Thriller / 2020

Christopher Nolan ist zurück. Und das mit einem Techno-Rave von einem Agententhriller. Mit ins Boot holt er sich den talentierten schweizer Cinematographen Hoyte Van Hoytema, der schon für Interstellar und Dunkirk hinter der Kamera stand. Zudem bekommt Michael Caine einen kurzen (Abschieds-)Moment. Der Mann der Stunde ist wieder mal Robert Pattinson.

Aber um was geht es eigentlich? Ich möchte diesmal ein bisschen weiter ausholen – ohne groß zu spoilern. Zum einen, um allen die den Film noch schauen möchten bereits ein paar Grundfakten an die Hand zu geben, um sich in der Hitze des Gefechts zurecht zu finden. Und andererseits denjenigen, denen nach dem Schauen ein Fragezeichen im Gesicht steht ein wenig auf die Sprünge zu helfen.

Der Grundplot ist schnell erklärt. Der Agent Protagonist (John David Washington) ist auf einer Mission zu verhindern, dass der russische Superschurke Sator (großartig, Kenneth Branagh) mit einer mysteriösen Waffe, die Welt vernichtet. Sator handelt dabei im Auftrag der zukünftigen Generation. Diese möchte die jetzige Generation auslöschen, da der von ihr verschuldete Klimawandel die Welt weitgehend unbewohnbar gemacht hat.

Nolan spinnt hier sein Leitmotiv weiter. Die Zeit. So erzählte er in Memento den Film geschickt von hinten nach vorne, ließ in Inception und Interstellar Zeit subjektiv unterschiedlich ablaufen – je nach Traumebene oder Planet auf dem man sich befand. In Dunkirk erschaffte er durch die Gleichzeitigkeit der Montage der einzelnen Erzählstränge einen ganz eigenen, revolutionären Erzählstil, den man so bei einem Kriegsfilm noch nicht gesehen hatte und der eine ganz eigene Sogwirkung entfaltete. Hier treibt er nun sein Spiel mit der Zeit auf die Spitze. In der Zukunft hätten Wissenschaftler die Möglichkeit gefunden die Entropie von Gegenständen (und sogar Menschen) zu invertieren. Das führt nun dazu, dass diese sich rückwärts in der Zeit bewegen. Das Gesetz von Ursache und Wirkung ist auf den Kopf gestellt – was auch für den Film grundlegende Auswirkungen hat.

Nie kann man hier sicher sein, wer sich eigentlich gerade wann befindet. Ist Protagonist nun ausführender Agent oder gar Auftraggeber der Mission Weltrettung? Wie kann man einen Schurken bezwingen, der auf Grund geschickter Zeitzangenmanövern immer einen Schritt voraus ist, und vor dem man keine Geheimnisse haben kann. Die übliche lineare Erzählstruktur, in der wir uns so wohl fühlen, wird auch hier wieder in Frage gestellt. Sind Nolans Figuren aus diesem Grund blutleer? Fehlt ihnen der nötige Tiefgang? Mitnichten. Ein Agententhriller benötigt nicht zwingend eine Entwicklung und emotionale Bindung zu seinen Figuren. Dann könnte man sich auch Lindenstraße ansehen. Dieser Film will eine These durchexerzieren. Wir sehen hier das Werk eines Künstlers. Nolan hat ein klares Sujet. Dieses heißt Zeit. In seinen Filmen steckt mehr Kunst als in so manchem altbackenem Arthouse Film, der doch wieder nur das ewig Menschliche durchkaut. Er hat hier den James Bond Film geschaffen, auf den man seit der „radikalen“ Neuauflage der Craig-Bonds wartet. Hier sind die Ideen, der Bombast, den das Blockbuster-Kino braucht. Tenet ist der Film, der nach einer gefühlten Ewigkeit der coronabedingten Kinoschließungen dieser Kunst neues Leben einhaucht. Oder vielmehr einstampft – mit der brachialen Gewalt von Travis Scotts Titeltrack, der einen sobald die Schlusscredits beginnen wieder zurück ins Leben reisst und in einem nur einen Gedanken zurücklässt. Wann gehe ich das nächste mal in Tenet?

Der Film läuft derzeit im Kino. Bitte unterstützen.

Meine Bewertung 10/10

„Da 5 Bloods“ von Spike Lee – Abenteuer / 2020

Spike Lee erschafft eine Vietnamkriegscollage unter dem Eindruck von Genregrößen wie Copollas Apocalypse Now, Levinsons Good Morning Vietnam oder Kubricks Full Metal Jacket. Der Film ist auf der formalen Ebene frisch erzählt und passt in Zeiten der Black Lives Matter Bewegung ins Bild, wenn man auch die teils platte Story bemängeln muss.

Letztere ist dann auch schnell erzählt. Vier afroamerikanische Veteranen kehren nach Vietnam zurück, um die Überreste ihres gefallenen Kameraden Stormin‘ Norman nach Hause zu bringen und mit ihm einen Goldschatz, den sie in der Eile der Kriegsquerelen dort zurückgelassen haben. Lee übersetzt den klassischen Vietnamfilm ins moderne Setting des Hochglanz-McDonalds-Saigon und stülpt dem vormals vietnamesischen Konflikt die tagesaktuellen Auseinandersetzungen des heutigen Amerikas über, die angeheizt durch einen unfähigen Präsidenten Trump in diesem Jahr einem traurigen Höhepunkt entgegensteuern. So bekommt der hier doppeldeutig thematisierte „american war“ eine ganz neue, aktuelle Konnotation. Nicht allein wird der im Deutschen und Amerikanischen als Vietnamkrieg bezeichnete Konflikt in Vietnam selbst als american war bezeichnet. Die teils bürgerkriegsähnlichen Zustände seiner Heimat, die Spike Lee in seinem Film anprangert, können durchaus auch als american war bezeichnet werden.

Hier hat der Film dann auch seine größten Stärken. Die Vermischung eines der größten amerikanischen Traumata aus dem historischen Kontext mit der heutigen Lebenswirklichkeit im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist ein gelungener und pfiffiger Schachzug. Gerade weil der Anteil der farbigen Soldaten so exorbitant höher war (und ist) als der der amerikanischen Bevölkerung im Ganzen bleibt das Bild hängen. Ein Bild des benachteiligten Afroamerikaners, der sein Leben in einem fremden Land hergibt, um eine Heimat zu verteidigen, in der er nicht als vollwertiger Teil der Gesellschaft begriffen wird.

Die Kontextualisierung mit tatsächlichem historischem Filmmaterial der 60er und 70er Jahre sowie Szenen, die an die oben genannten Genregrößen erinnern ist dann auch großartig gelungen. Die Hubschrauber im Sonnenuntergang zwischen Palmen, Richard Nixon, der seinen Rücktritt verkündet, Kriegsszenen von damals. All diese Eindrücke machen Lees Film zu einer wunderbaren Collage, einem Film der neue und alte Konflikte verknüpft und das bislang stärkste politische Statement in einem merkwürdigen Kinojahr abgibt. Auch Netflix kann sich hier auf die Schulter klopfen einen solchen Film ermöglicht zu haben. Dank der Coronakrise kam es leider nicht so weit, dass der Film seinen Weg nach Cannes gefunden hat, wo er als erster Film des Streaminganbieters ein Forum bekommen hätte. Vor dem Hintergrund dieser Verdienste erscheint es verschmerzbar, dass der Film in seinem letzten Drittel ein wenig in die Klamauk-Baller-Schiene abrutscht und das Drehbuch an manchen Stellen etwas arg dürftig daherkommt. Eine Filmempfehlung ist hier dennoch auszusprechen für Cineasten, die Lust auf einen politischen Abenteuerfilm haben und etwas mit dem Hiphop-Gangster-Trashtalk a la Pulp Fiction anfangen können.

Der Film ist auf Netflix verfügbar.

Meine Bewertung 8/10

„1917“ von Sam Mendes – Kriegsdrama / 2020

Ein Film, wie ein Museumsbesuch. Sam Mendes, bekannt von großartigen Filmen wie American Beauty, Road to Perdition und dem meiner Meinung nach besten Daniel Craig James Bond – Skyfall – erzählt hier seine ganz persönliche erster Weltkriegsgeschichte. Als kleiner Junge von zehn Jahren habe ihm sein Großvater von seinen Erlebnissen während des Weltkrieges berichtet. Diese fesselnden Erzählungen sollten auch den Grundstein für das Drehbuch von 1917 legen.

Im Film folgen wir den Soldaten Blake und Schofield durch ein verwüstetes Frankreich bei ihrem Auftrag eine Nachricht zu übermitteln, die 1600 Kameraden das Leben retten soll. Hierzu müssen sie zwischen den Schützengräben tief durch Feindesland, um das andere Regiment zu erreichen. Folgen ist dabei wörtlich genommen, denn der Film ist derart komponiert, dass er den Eindruck erweckt er sei in einem einzigen Shot gedreht. Abgesehen von ein paar Übergängen in denen es gerade zu dunkel ist, um etwas zu erkennen, sind keine Schnitte erkennbar. Der Film führt uns vorbei an verwüsteten Dörfern und einem Land, das den Eindruck erweckt mit einem zu großen Pflug einmal umgegraben worden zu sein. Unsere beiden Protagonisten sind dabei mehr als nur Schauspieler in einem Film. Wir kleben an ihren Rücken, sehen zumeist nur was sie sehen. Als uns die Mission aus dem Schlamm der Schützengräben hinaus ins Hinterland der Frontlinie führt und das Bild von matschbraun zu saftgrün wechselt, atmet der Zuschauer innerlich auf. Man fühlt mit diesen zwei Burschen mit, die hier alles aufs Spiel setzen, um ihre Kameraden vor dem sicheren Tod zu retten. Ihr Leben hängt in den 119 Minuten, in denen wir ihnen auf ihrem Weg folgen, am sprichwörtlichen seidenen Faden. „Es ist nicht schwer, ein Leben zu verlieren – aber junge Männer denken das sei es. Und wir waren jung.“ wird im Vorspann A.E. Housman zitiert. Ihre Naivität ist das einzige, was ihren Heldenmut übertrifft. Dies wird von Szene zu Szene deutlicher.

Ausgezeichnet mit drei Oscars macht dieser Film alles in allem einen hervorragenden Job. Die Illusion des Oneshots ist Mendes und Deakins hervorragend gelungen. Letzterer erhielt hierfür auch wieder, wie schon für Blade Runner 2049, den Oscar für die beste Kamera. Weitgehend wird auch erreicht, was damit beabsichtigt ist. Eine ganz eigene Sogwirkung, die einen in die Geschehnisse des 06. Aprils 1917 hineinzieht. Dadurch, dass uns nicht nur einzelne Sets präsentiert werden, sondern die Kamera die ganze Zeit draufhält, kommt es einem zudem so vor, als sei man in einem Museum, dass das Setting der Grabenkämpfe illustriert. Ich bin kein Fan von Kriegsfilmen, aber diese Aspekte haben den Film auch für mich sehr sehenswert gemacht. Empfehlung geht raus an junge Männer, die durch den Film lernen sollten, wie groß das Glück ist, dass ihr Geburtsdatum rund 100 Jahre später als das der Protagonisten datiert und Cineastinnen, denen „Victoria“ von Sebastian Schipper gefallen hat, der deutschen Oneshot Sensation.

Passend zur Rezension ist der Film gerade auf DVD und Bluray erschienen. Ab dem 28. Mai ist er zudem auf den gängigen Plattformen ausleihbar.

Meine Bewertung 8/10